Die Darm-Immun-Achse
Wer gefragt wird, wo im Körper das Immunsystem sitzt, tippt meist auf Blut oder Lymphknoten. Beides stimmt – aber der größte Teil liegt woanders. Er liegt dort, wo der Körper jeden Tag mit der Außenwelt in Berührung kommt: im Darm. Die Forschung der vergangenen zwanzig Jahre hat aus dieser Beobachtung ein ganzes Feld gemacht, mit einem eigenen Begriff dafür – der Darm-Immun-Achse. Was dahintersteckt, lässt sich in drei Ebenen erzählen.
Der größte Teil der Abwehr sitzt nicht dort, wo man ihn vermutet
Rund 70 bis 80 Prozent aller Immunzellen des Körpers befinden sich im Darm, im sogenannten darmassoziierten lymphatischen Gewebe, kurz GALT.
Der Grund dafür ist einfach: Nirgendwo sonst kommt der Körper so eng mit der Außenwelt in Kontakt. Die Haut trennt ab, der Darm muss unterscheiden. Mit jeder Mahlzeit gelangen neben Nährstoffen auch Fremdstoffe und Mikroorganismen in den Verdauungstrakt – und alles davon muss geprüft werden, bevor es weitergereicht oder abgewehrt wird.
Dazu kommt die schiere Fläche. Die innere Oberfläche des Darms umfasst nach neueren Messungen etwa 30 bis 40 Quadratmeter, ungefähr die Fläche einer kleinen Wohnung. Ältere Angaben sprachen von der Größe eines Tennisplatzes; diese Zahl gilt heute als überholt. Auch die korrigierten 30 bis 40 Quadratmeter sind eine Fläche, die überwacht werden will.
Drei Ebenen arbeiten zusammen
Die Schleimhautbarriere. Eine einzige, von Schleim überzogene Zellschicht trennt den Darminhalt vom Körperinneren. Eine Zelllage – mehr ist es nicht. Eng verbundene Zellkontakte regeln, was hindurch darf und was nicht.
Das Immungewebe. In der Darmwand liegen Lymphfollikel und die sogenannten Peyer-Plaques. Hier prüfen Immunzellen fortlaufend, was ankommt. Dabei lernen sie, Harmloses von Fremdem zu unterscheiden – eine Unterscheidung, die nicht angeboren ist, sondern sich über Jahre ausbildet.
Das Mikrobiom. Billionen Bakterien besiedeln vor allem den Dickdarm. Sie stehen in ständigem Austausch mit dem Immungewebe, und aus diesem Zusammenspiel stammt der Begriff Darm-Immun-Achse.
Ballaststoffe sind Bakterienfutter
Was die Bakterien im Dickdarm beschäftigt, kommt von der Pflanze. Darmbakterien verwerten unverdauliche Pflanzenfasern – also genau das, was der menschliche Verdauungsapparat selbst nicht aufschließen kann – und bilden daraus kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Butyrat ist die wichtigste Energiequelle der Dickdarmzellen.
Der Weg ist bemerkenswert: Der Mensch isst etwas, das er nicht verdauen kann, und seine Darmzellen leben davon, was die Bakterien daraus machen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt mindestens 30 Gramm Ballaststoffe täglich. Die meisten Erwachsenen in Deutschland liegen darunter. Gute Quellen sind Hafer, Hülsenfrüchte, Leinsamen, Gemüse und Beeren.
Vielfalt zählt
Nicht nur die Menge spielt eine Rolle, sondern die Bandbreite. Im American Gut Project – einer großangelegten Untersuchung mit Tausenden Teilnehmenden – zeigten Menschen, die mehr als 30 verschiedene Pflanzenarten pro Woche aßen, ein vielfältigeres Mikrobiom als jene mit weniger als zehn.
Dreißig Pflanzen klingen nach viel. In der Praxis sind sie leichter zu erreichen, als die Zahl vermuten lässt, denn es zählt alles mit: Kräuter, Gewürze, Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte. Ein Salat mit vier Zutaten und drei Kräutern darauf bringt sieben.
Fermentiertes rückt in den Fokus
In einer Studie der Universität Stanford aßen Erwachsene zehn Wochen lang täglich mehrere Portionen fermentierter Lebensmittel – Joghurt, Kefir, Sauerkraut, Kimchi. Die Vielfalt ihres Mikrobioms nahm über den Zeitraum zu, und zahlreiche Entzündungsmarker im Blut sanken. Eine zweite Gruppe, die stattdessen ihre Ballaststoffzufuhr erhöhte, zeigte diesen Effekt nicht in gleicher Weise.
Für den Einkauf folgt daraus ein praktischer Hinweis: Pasteurisiertes Sauerkraut aus der Konserve enthält keine lebenden Kulturen mehr – die Hitze beim Haltbarmachen beendet die Fermentation. Frisches aus dem Kühlregal oder vom Markt bringt sie mit.
Auch das Gehirn ist angeschlossen
Die Darmwand durchzieht ein eigenes Nervengeflecht mit mehreren hundert Millionen Nervenzellen – das enterische Nervensystem, gelegentlich auch Bauchhirn genannt. Über den Vagusnerv steht es in ständigem Austausch mit dem Gehirn, und zwar in beide Richtungen.
Dazu kommt ein oft missverstandener Befund: Rund 90 Prozent des körpereigenen Serotonins entstehen in spezialisierten Zellen der Darmschleimhaut. Daraus wird gern geschlossen, der Darm produziere Glückshormone. Das greift zu kurz – dieses Serotonin wirkt als Botenstoff im Darm selbst, es gelangt von dort nicht ins Gehirn.
Und nicht nur das Essen wirkt: Auch Schlaf, Bewegung und Stress stehen nach heutigem Forschungsstand in Wechselwirkung mit der Darmflora.
Fazit
Der Darm ist mehr als ein Verdauungsrohr. Er ist die Stelle, an der der Körper täglich entscheidet, was hereindarf – und der größte Teil der Immunzellen sitzt genau dort, weil dort die Arbeit anfällt.
Drei Ebenen tragen das: eine hauchdünne Barriere, ein lernendes Immungewebe und Billionen Bakterien, die von dem leben, was wir nicht verdauen können. Was diese Bakterien bekommen, entscheiden wir mit jeder Mahlzeit – über die Menge an Ballaststoffen und über die Bandbreite dessen, was auf dem Teller liegt.
Es ist ein Zusammenhang, der ohne Spektakel auskommt. Hafer, Leinsamen, Hülsenfrüchte, ein paar Kräuter mehr, gelegentlich etwas Fermentiertes. Nichts davon ist neu. Bemerkenswert ist nur, wie genau sich heute beschreiben lässt, warum es wirkt.
Quellen
- Vighi G. et al. (2008): Allergy and the gastrointestinal system. Clinical & Experimental Immunology 153 (Suppl. 1): 3–6.
- Helander H. F., Fändriks L. (2014): Surface area of the digestive tract – revisited. Scandinavian Journal of Gastroenterology 49 (6): 681–689.
- Belkaid Y., Hand T. W. (2014): Role of the microbiota in immunity and inflammation. Cell 157 (1): 121–141.
- McDonald D. et al. (2018): American Gut: an Open Platform for Citizen Science Microbiome Research. mSystems 3 (3): e00031-18.
- Wastyk H. C. et al. (2021): Gut-microbiota-targeted diets modulate human immune status. Cell 184 (16): 4137–4153.
- Furness J. B. (2012): The enteric nervous system and neurogastroenterology. Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology 9 (5): 286–294.
- Yano J. M. et al. (2015): Indigenous bacteria from the gut microbiota regulate host serotonin biosynthesis. Cell 161 (2): 264–276.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Richtwert Ballaststoffzufuhr, mindestens 30 g/Tag.